Großfürst Konstantin Nikolaevic. Der persönliche Faktor und die Kultur des Wandels in der russischen Autokratie
Bearbeiter: Dr. Matthias Stadelmann
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Konstantin Nikolaevic, geboren am 9. September 1827, war Kaiser Nikolajs I. zweiter Sohn und damit jüngerer Bruder des künftigen Kaisers Aleksandr II., der von 1855 bis 1881 regieren sollte. Als nicht einmal Vierjähriger erhielt der kleine "Kostja" seine Berufung auf Lebenszeit - zum General-Admiral der russischen Flotte. Da sich schon das Kind, noch mehr aber der junge Mann durch "geistige Lebendigkeit" und "Entschlossenheit" auszeichnete, wurde daraus kein banaler Repräsentationsposten für ein Mitglied des Kaiserhauses, sondern eine tatsächliche Berufung, in die viel Leidenschaft und Engagement flossen. Konstantins Wirken als Flottenchef war von solcher Ungewöhnlichkeit, von solcher Ausstrahlungskraft, dass es für ihn geradezu unmöglich war, sich auf seine Führungsposition in der Marine zu beschränken - der neue Kaiser bat seinen Bruder noch in den 1850er Jahren in die allgemeine Politik des Reiches, der Großfürst General-Admiral wurde, ein Novum im Russischen Reich, zum augusteischen Staatsmann. Während der gesamten Regierungszeit seines Bruders redete Konstantin in fast allen wichtigen politischen Angelegenheiten mit: In den traditionell zur Behandlung großer Fragen eingerichteten Komitees, im Ministerkomitee, im Staatsrat, dessen Vorsitz der Großfürst, auch dies für einen Romanov ein Novum, im Jahr 1865 übernahm. Konstantins politische Karriere endete fast so schlagartig wie das Leben seines Bruders. Nachdem dieser am 1. März einem Bombenattentat zum Opfer gefallen war und sein Sohn Aleksandr Aleksandrovic den Thron bestieg, musste Konstantin Nikolaevic demissionieren. Der Neffe hatte eine außerordentliche Abneigung gegen den Onkel und dessen politische Haltungen ausgebildet, so dass nur der Rückzug ins Privatleben blieb, das der Großfürst seit 1881 größtenteils auf der Krim verbrachte. Erst nach einem Schlaganfall blieb er für immer in einer seiner Petersburger Residenzen, in Pavlovsk, wo er am 13. Januar 1892 im Alter von 64 Jahren verstarb.
Die Tatsache, dass Konstantin Nikolaevic als einer der aktivsten Staatsmänner aus dem Geschlecht der Romanovs 1881 gezwungen war, seinen Abschied zu nehmen, verweist bereits darauf, dass der Großfürst auf seine Zeitgenossen eine höchst polarisierende Wirkung hatte - und zwar sowohl im politischen wie auch im persönlichen Sinne. Er galt als ein ungestümer "Liberaler", für einen Romanov gar als Ultraprogressist, der die Unkonventionalität seiner Konzepte mit einem - in der "raffinierten" höfisch-aristokratischen Kultur St. Petersburgs - oftmals als skandalös empfundenen persönlichen Auftreten verband. "Neutral" zu bleiben war gegenüber Konstantin Nikolaevic offenbar nicht möglich - entweder man war sein Anhänger und unterstützte seine Politik oder man war sein Feind und lehnte seine Haltungen ab. Damit fügte sich die Person Konstantins ein in das zeitliche Umfeld, dessen "Produkt" er war. Unter seinem Vater Nikolaj I. erwachsen geworden, hatte er frühzeitig die Reformierungsdiskurse in der, zumindest nach intellektueller Wahrnehmung, erstarrenden nikolaitischen Autokratie wahrgenommen und sich, in dem Rahmen, der einem "Zarensohn", einem carevic, möglich war, zu eigen gemacht. Konstantin Nikolaevic als Staatsmann ist untrennbar verknüpft mit jenem Zeitalter der "Großen Reformen", welches mit seinem Bruder Aleksandr II. Einzug in die russische Geschichte halten sollte.
Ausgehend von der Überzeugung, dass Geschichte von Menschen gemacht und bestimmt wird, möchte die Untersuchung die entscheidende Bedeutung des "persönlichen Faktors" für die "Kultur des Wandels" in der russischen Autokratie seit der Jahrhundertmitte herausarbeiten und klarstellen. Zugrunde liegt die Überzeugung, dass die Staatsmänner einer Epoche nicht austauschbare Figuren sind, die von überindividuellen Strukturen definiert und gesteuert werden, sondern in ihrem Denken und Handeln die historische Entwicklung ganz maßgeblich prägen - insbesondere in einem personalistisch ausgerichteten Gemeinwesen wie der Autokratie. Die These, dass historische Entwicklungen wesentlich von Personen abhängt, ist in ihrem allgemeinsten Kern nicht neu, jedoch etwas aus dem Blickfeld der Historiker geraten, zumindest derjenigen Historiker, die sich als kritische Dekonstrukteure der Vergangenheit begreifen. Wenn der Ansatz der individuellen Bedeutung nun erneuert werden soll, hat das nicht das Geringste mit unkritischer Verherrlichung von "großen Männern" und ihrem "Machtstaat" zu tun. Es hat auch nichts damit zu tun, eine angebliche Autarkie des "großen Geistes" gegenüber den An- und Herausforderungen der Epoche, seien sie gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, militärischer oder politischer Natur, zu postulieren. Das Wissen um die untrennbaren Verknüpfungen, um die immerwährenden gegenseitigen Bedingtheiten von Individuum und Kollektiv, von Persönlichkeit und Kontext, von Handlung und Struktur, übrigens auch: von Diskurs und Realität, zählen zu jenen Gemeinplätzen seriöser Geschichtswissenschaft, die es sich lohnt, immer auf Neue zu wiederholen. Es geht hier also nicht um den Rückzug auf eine Position, die nur dem persönlichen Handeln Geschichtsmächtigkeit zubilligen würde. Die Einsicht in die Relevanz des Personalen entspringt vielmehr der - kulturgeschichtlich initiierten - Bereitschaft, sich durch "dichte Lektüre" auf die Quellen der Zeit einzulassen und die Wahrnehmungen und Vorstellungswelten der Zeitgenossen etwas ernster und für die vergangene Realität konstitutiver zu nehmen, als dies von allzu "theoriegeleiteter" Strukturanalyse beabsichtigt und möglich war. 1985 argumentierte eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern um Theda Skocpol für "bringing the state back in", da man von den damals aktuellen Strömungen der Forschung den Staat als Movens politischen und sozialen Wandels unterschätzt sah. Nur im Begrifflichen daran anknüpfend möchte diese Untersuchung, ausgehend vom konkreten, in quellennaher Empirie erarbeiteten Beispiel plädieren für "bringing personality back in".
Konkret wird die individuelle Bedeutung des Großfürsten Konstantin Nikolaevic für die Reformpolitik der russischen Autokratie im 19. Jahrhundert ins Visier genommen. Alle Zeitgenossen der Epoche, die mittels der Quellenanalyse befragt werden konnten, waren sich einig, dass dem General-Admiral eine herausragende Rolle zukam bei der Entstehung, Verbreitung und Realisierung des Reformdiskurses im Rahmen des Kaiserreichs nach, ja, wenn wir ganz genau hinsehen, auch bereits vor dem Krimkrieg. Das Studium von Konstantins politischem Wirken gibt damit - über die individuelle Würdigung seines historischen Platzes hinaus - tiefe Einblicke in das Funktionieren der autokratischen Politik frei, die eben nicht jenen Prinzipien folgte, die Historiker viele Jahrzehnte später als vernünftig, logisch, einleuchtend oder nahe liegend betrachteten. Die Lebens- und Vorstellungswelten der im Russland des 19. Jahrhunderts mit Politik Befassten waren in manchem völlig verschieden von denen späterer Geschichtsschreiber, in anderen Aspekten dagegen überraschend "modern" oder "aktuell". In jedem Falle kommen wir ihnen - und damit den aus ihnen resultierenden Konsequenzen - nur näher, wenn wir uns auf unsere gerne eingenommene Makroperspektive nicht zu viel einbilden und uns stattdessen auf die Zeit selbst einlassen. Mit naivem Positivismus hat das nichts zu tun, schon eher mit der Anstrengung, die mentalen Gesetzmäßigkeiten, die kulturellen Grammatiken jener Zeit zu erfassen, vorzustellen und kritisch zu interpretieren. Dass wir dabei stets in der Gefahr sind, unseren eigenen Horizont über Gebühr einzubringen, ist bekannt und unabänderbar - es ist das kardinale pathologische Symptom ethnologischer, aber auch historischer Tätigkeiten. Die Rezepte dagegen sind alt, unvollkommen und unverzichtbar: Neben dem schlichten Bewusstsein über diese Problematik sind es intellektuelle und interpretatorische Redlichkeit sowie eine möglichst weitreichende Quellengestütztheit der historiographischen Aussagen. In diesem Sinne möchte sich die Studie auf die Suche nach der Selbstwahrnehmung einer wichtigen Epoche der russischen Geschichte machen. Es soll versucht werden, hinter die "Kulissen" zu blicken, in Arbeitszimmer und auf Schreibtische, in "Köpfe" und "Herzen", denn neben intellektueller Leistung ist, sobald individuelle Menschen ins Spiel kommen, immer auch das emotionale Erleben von Bedeutung für die soziopolitische Interaktion. Der Blick hinter die Kulissen verbindet sich dabei auch mit kulturgeschichtlichen Perspektiven auf das politische Handeln, indem nach Wahrnehmungen und Vorstellungen gefragt und die Macht der Diskurse nicht unterschätzt wird. Das politische Handeln ist ohne Zweifel kulturell bedingt, aber deswegen ist es nicht nur "virtuell", sondern es offenbart sich ganz reell, ganz konkret, ganz individuell, wenn auch mit überindividuellen Konsequenzen.
